Viele Beschäftigte wissen, dass mehr Gehalt möglich wäre. Trotzdem bleibt es oft beim Status quo: kein Gespräch, keine Forderung, keine Anpassung. Das ist teuer, weil eine verpasste Erhöhung nicht nur in diesem Jahr fehlt, sondern oft jahrelang als niedrigeres Grundgehalt „mitläuft“.
Die wichtigste Wahrheit vorweg: „Liegen lassen“ ist selten ein einzelner Betrag, sondern ein Effekt. Schon wenige Prozentpunkte Unterschied wirken wie ein Hebel – Jahr für Jahr.
| Fakt | Was das für Sie bedeutet |
|---|---|
| Median-Verdienst 2024: 52.159 € (Vollzeit, brutto/Jahr) | Die „Mitte“ ist höher als viele denken – gute Basis für Ihre Argumentation. |
| Stepstone-Mediangehalt: 53.900 € (Deutschland) | Marktdaten helfen beim Realitätscheck: Wo liegen Sie im Vergleich? |
| Nur 29 % fragten 2024 nach einer Erhöhung; etwa die Hälfte bekam sie | Wer nicht fragt, hat praktisch keine Chance. Wer fragt, hat reale Erfolgschancen. |
| 64 % fühlen sich in Gehaltsverhandlungen unwohl | Unsicherheit ist normal – Vorbereitung ist der beste Ausgleich. |
| Gender Pay Gap 2025: 16 % (unbereinigt, Deutschland) | Transparenz und faire Kriterien werden wichtiger – für alle. |
| EU-Entgelttransparenzrichtlinie: Umsetzung bis 7. Juni 2026 | Mehr Gehaltsinfos im Bewerbungsprozess und stärkere Vergleichbarkeit sind absehbar. |
Was wirklich liegen bleibt und warum das so teuer ist
Aktuelle Fakten 2026: Was die Datenlage wirklich hergibt
1) Viele unterschätzen ihren Marktwert. In einer repräsentativen Stepstone-Befragung (Deutschland) fühlen sich nur 26 % angemessen bezahlt, 71 % dagegen unterbezahlt. Im Schnitt schätzen Mitarbeitende ihren fairen Marktwert rund 20 % höher ein als ihr aktuelles Gehalt.
2) Viele führen das Gespräch gar nicht. Laut derselben Stepstone-Befragung haben im Jahr 2024 nur 29 % der Befragten nach einer Gehaltserhöhung gefragt; ungefähr die Hälfte davon hat die Erhöhung erhalten. Das ist der Kern des „liegen lassen“-Problems: Ohne Gespräch bleibt oft alles wie es ist.
3) Emotionen sind ein echter Bremsfaktor. 64 % fühlen sich in Gehaltsverhandlungen unwohl. Als Hauptgründe nennt die Befragung u. a. „Es fällt mir schwer, mich selbst zu loben“ und „Das ist bei uns nicht gern gesehen“.
4) Vergleichsdaten sind verfügbar – werden aber zu wenig genutzt. Neben offiziellen Statistiken (z. B. Destatis) liefern große Gehaltsdatenbanken (z. B. Stepstone) Orientierung. Das erleichtert Verhandlungen, weil Sie weniger „aus dem Bauch“ argumentieren müssen.
5) 2026 bringt zusätzlichen Druck Richtung Transparenz. Die EU-Entgelttransparenzrichtlinie (EU 2023/970) muss bis 7. Juni 2026 national umgesetzt werden. Dadurch werden Gehaltsstrukturen und Vergleichbarkeit in vielen Unternehmen tendenziell wichtiger.
Die Logik hinter dem „liegen lassen“: Der Basiseffekt
Wenn Sie einmal eine höhere Gehaltsbasis durchsetzen, wirkt diese Basis in den Folgejahren weiter. Selbst wenn spätere prozentuale Anpassungen identisch sind, bleibt Ihr Gehalt dauerhaft höher.
Rechenbeispiel (konservativ, brutto, Vollzeit):
- Ausgangspunkt: Median 2024 = 52.159 € brutto/Jahr.
- Angenommen, ohne Verhandlung bekommen Sie eine Anpassung von 3 %.
- Mit guter Vorbereitung fordern und erreichen Sie z. B. 7 % (also 4 Prozentpunkte mehr als „standard“).
- Unterschied im ersten Jahr: ca. 2.086 € brutto.
- Über 5 Jahre summiert sich allein dieser einmalige Basiseffekt (bei gleichen Folgeerhöhungen) auf rund 11.000 € brutto.
Wichtig: Das sind Beispielrechnungen. In der Praxis hängt die Bandbreite von Branche, Tarifbindung, Unternehmenslage, Rolle, Region und Ihrer Verhandlungsposition ab. Der Mechanismus bleibt aber gleich: Einmal nicht verhandelt ist oft jahrelang weniger.
Wie viel ist realistisch: Prozent statt Bauchgefühl
Für viele Rollen sind Forderungen im niedrigen einstelligen Bereich bei gleichbleibenden Aufgaben eher realistisch als zweistellige Sprünge. Als grobe Orientierung nennt kununu für Gehaltsgespräche bei guter Leistung und gleichbleibenden Aufgaben oft 3 bis 7 % als plausible Spanne. Bei Jobwechseln können die Sprünge deutlich höher ausfallen – dort entscheidet Ihre Marktsituation und Knappheit oft stärker.
Praxisregel: Verhandeln Sie nicht „gegen den Arbeitgeber“, sondern „für eine nachvollziehbare Anpassung“ – mit Marktvergleich, Leistung und Verantwortungsumfang.
Warum viele nicht verhandeln (und warum das normal ist)
- Unwohlsein und Selbstlob-Hürde: Viele tun sich schwer, Leistungen klar zu benennen (Stepstone nennt das als häufigsten Grund).
- Kultur & Signalangst: „Bei uns nicht gern gesehen“ – wenn Gehalt tabuisiert wird, steigt die Hemmschwelle.
- Unklare Vergleichswerte: Wer den eigenen Marktwert nicht kennt, fordert entweder zu wenig oder gar nicht.
- Falsches Timing: Viele sprechen Gehalt erst an, wenn Frust hoch ist. Dann wirkt es wie Druck statt wie Planung.
So kommen Sie vom Gefühl zur Strategie: 7 Schritte, die messbar helfen
- Marktwert prüfen: Nutzen Sie Gehaltsreports, Branchenwerte und Regionseffekte, um eine realistische Spanne zu definieren.
- Ihre „Leistungsbilanz“ auf 1 Seite: Ergebnisse, Kennzahlen, Projekte, Verantwortung, eingesparte Kosten, Umsatzbeitrag, Qualität, Geschwindigkeit.
- Vergleichbar machen: „Vorher–Nachher“, „Soll–Ist“, „Erwartung–Ergebnis“.
- Konkrete Forderung + Begründung: Nennen Sie eine Zahl oder Spanne und verknüpfen Sie sie mit klaren Kriterien.
- Timing wählen: Idealerweise nach erfolgreichem Abschluss, vor Budgetplanung, oder im regulären Review-Zyklus.
- Alternativen vorbereiten: Bonus, Weiterbildung, zusätzliche Urlaubstage, Homeoffice-Regelung, Titel/Rolle, klare Entwicklungsschritte.
- Schriftlich abschließen: Ergebnis, Zeitpunkt, Bedingungen, nächster Termin – kurz per E-Mail oder im Protokoll.
Formulierungen, die professionell wirken (ohne „betteln“)
- Einstieg: „Ich würde gerne über meine Entwicklung und die passende Vergütung sprechen. Ich habe die letzten Monate X erreicht und möchte das sauber einordnen.“
- Leistung: „Seit [Monat] habe ich [Projekt/Verantwortung] übernommen. Das Ergebnis war [Kennzahl/Outcome].“
- Markt: „Für vergleichbare Rollen in [Region/Branche] liegt die Vergütung typischerweise in der Spanne von [X–Y].“
- Forderung: „Auf Basis von Leistung, Verantwortung und Markt halte ich eine Anpassung auf [Zahl/Spanne] für angemessen.“
- Wenn Gegenwind kommt: „Welche Kriterien müssten erfüllt sein, damit wir in 3 Monaten auf diese Zahl kommen?“
3 realistische Praxisbeispiele
Beispiel 1: Mehr Verantwortung ohne Titel
Sie koordinieren inzwischen zusätzlich ein kleines Team oder vertreten Ihre Führungskraft. Sie bringen eine Liste konkreter Zusatzaufgaben, nennen messbare Ergebnisse und fordern eine Anpassung im Rahmen von 3–7 % oder eine Rollenänderung mit klarer Gehaltsband-Zuordnung.
Beispiel 2: Leistungssprung durch Projekt
Ein Prozessprojekt spart nachweislich Zeit oder senkt Fehler. Sie quantifizieren den Effekt (z. B. Stunden/Monat, Reklamationen, Durchlaufzeit) und fordern eine Anpassung mit der Logik: „Mehrwert geteilt = fair“.
Beispiel 3: Markt zieht an, Sie sind knapp
Sie zeigen Marktwerte, offene Stellen, Skill-Knappheit und Ihre Rolle als Risikofaktor („Wenn ich gehe, entsteht X Aufwand“). Sie bieten zugleich Stabilität: „Ich bleibe gern, wenn wir die Vergütung marktgerecht nachziehen.“
Expert:innen-Meinungen und geprüfte Einordnungen (kurz & konkret)
- Statistisches Bundesamt (Destatis): Der Median-Bruttojahresverdienst 2024 (Vollzeit, inkl. Sonderzahlungen) liegt bei 52.159 €. Kontext: amtliche Verdienststatistik, veröffentlicht 2025.
- Statistisches Bundesamt (Destatis): Gender Pay Gap 2025 (unbereinigt) liegt bei 16 %. Kontext: amtliche Veröffentlichung vom 16.12.2025.
- Stepstone (Gehaltsbefragung 2026, Deutschland): 64 % fühlen sich in Verhandlungen unwohl; häufige Gründe: Selbstlob fällt schwer, Kultur bremst. Kontext: Befragung von rund 3.000 Beschäftigten und ca. 300 Recruiter:innen.
- Stepstone (Gehaltsbefragung 2026, Deutschland): 2024 fragten nur 29 % nach einer Erhöhung; etwa die Hälfte bekam sie. Kontext: veröffentlicht 2026 als Teil der Stepstone-Auswertung.
- YouGov (Zielgruppenanalyse „Deutsche Gehaltsverhandler“, 14.02.2023): 39 % der Deutschen haben schon einmal um eine Gehaltserhöhung gebeten. Kontext: Profil- und Zielgruppenanalyse, veröffentlicht von YouGov Deutschland.
- Europäisches Parlament & Rat (Richtlinie (EU) 2023/970): Pay-Transparenz soll „gleicher Lohn für gleiche/gleichwertige Arbeit“ stärken; Umsetzung national bis 7. Juni 2026. Kontext: EU-Rechtstext.
- KPMG Law (02.12.2025): In Deutschland wird die Umsetzung der EU-Entgelttransparenzrichtlinie vorbereitet; Empfehlungen einer Expert:innenkommission liegen vor. Kontext: juristische Einordnung, Stand Ende 2025.
- Leibbrandt & List (NBER Working Paper 18511, 2012; später auch Fachjournal): Feldexperiment zeigt: Wenn Stellenausschreibungen ausdrücklich „verhandelbar“ machen, ändern sich Verhandlungsraten und Geschlechterunterschiede. Kontext: randomisiertes Feldexperiment mit Jobanzeigen.
- Leibbrandt & List (Management Science, 2015): Befunde aus großem Feldexperiment zur Frage, wann Menschen verhandeln – und wie Rahmenbedingungen die Entscheidung beeinflussen. Kontext: peer-reviewte Publikation.
- Ren et al. (ScienceDirect-Studie, 2022): Verhandlungsinitiation kann durch soziale Normen beeinflusst werden; Beobachtbarkeit verändert Verhalten. Kontext: experimentelle Studie.
- Gesellschaft für Freiheitsrechte (Studienlage, 29.11.2021): Überblick über Forschung zu Verhandlungsfreiheit und Equal Pay, u. a. mit Daten/Studien zur Verhandlungshäufigkeit. Kontext: juristisch-wissenschaftliche Aufbereitung.
- Haufe Akademie (01.12.2025): Einordnung, wie sich Transparenzpflichten durch EU-Umsetzung ab 2026 erweitern können. Kontext: HR-/Arbeitsrechtsbeitrag, Stand Ende 2025.
💬 FAQ
Wann ist der beste Zeitpunkt für eine Gehaltsverhandlung?
Am besten, wenn Sie Ergebnisse vorweisen können und bevor Budgets festgezurrt sind: nach Projektabschluss, im jährlichen Review-Zyklus oder vor der Budgetplanung. Vermeiden Sie Verhandlungen aus akutem Ärger heraus.
Wie viel Prozent sollte ich fordern?
Bei gleichbleibenden Aufgaben ist oft ein niedriger einstelliger Bereich plausibel. Wichtig ist weniger die Prozentzahl als die Begründung: Marktwert, Leistung, Verantwortung, Rolle.
Was ist, wenn mein Arbeitgeber sagt: „Dieses Jahr geht nichts“?
Fragen Sie nach Kriterien und einem festen Folgetermin: „Welche Ziele müssten erfüllt sein, damit wir in 3 Monaten nachziehen?“ Und verhandeln Sie Alternativen (Bonus, Weiterbildung, zusätzliche Urlaubstage).
Bringt Verhandeln auch etwas in tarifgebundenen Betrieben?
Oft ja – aber anders: Stufen, Zulagen, Funktionszulagen, Sonderzahlungen oder Eingruppierung sind typische Hebel. Klären Sie, welche Spielräume es innerhalb des Tarifs gibt.
Soll ich mit einer Zahl oder mit einer Spanne starten?
Eine Spanne funktioniert gut, wenn sie begründet ist (Marktwerte) und die Untergrenze Ihr Ziel darstellt. Eine konkrete Zahl wirkt klar, braucht aber eine starke Argumentationskette.
Wie gehe ich mit dem Gefühl um, mich „selbst loben“ zu müssen?
Nutzen Sie Fakten statt Emotionen: Kennzahlen, Ergebnisse, Feedback, Verantwortung. Sie loben nicht sich selbst, sondern ordnen Ihren Beitrag professionell ein.
Was ändert sich durch mehr Gehaltstransparenz ab 2026?
Die EU-Vorgaben zielen auf mehr Vergleichbarkeit und Informationsrechte. Das kann Gehaltsbänder, Jobarchitektur und interne Fairness-Kriterien stärken. Für Sie heißt das: Daten und klare Kriterien werden noch wichtiger.
Was verliere ich, wenn ich gar nicht verhandle?
Sie verlieren oft nicht nur „einmal Geld“, sondern die höhere Basis für die Folgejahre. Schon wenige Prozentpunkte Unterschied können sich über mehrere Jahre auf viele Tausend Euro summieren.

















